Ambulante Wohnungslosenhilfe Berlin-Wilmersdorf

Nach Außen den Schein wahren

Petra Siegberg im Gespräch.

Petra Siegberg erzählt von Ihrer Tätigkeit als Beraterin der ambulanten Wohnungslosenhilfe.

Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin. Ein schönes Viertel. Grüne Alleen, Altbauten, Stuck an den Decken, ein wohlsituiertes Viertel. So sieht es von außen aus. Petra Siegberg weiß mehr darüber. Seit 10 Jahren ist sie in der ambulanten Wohnungslosenhilfe als Beraterin tätig. Im Interview erzählt sie von den Veränderungen, die sie in dieser Zeit erlebt hat.

Frau Siegberg, seit wann beraten Sie schon in der Wohnungslosenhilfe und was hat sich in dieser Zeit verändert?

Seit 2008 berate ich in der Ambulanten Wohnungslosenhilfe. Verändert hat sich die Situation insofern, dass wir früher keine sogenannten Trägerwohnungen für unsere Klienten brauchten. Das sind Wohnungen, die der Caritasverband für eine Zwischennutzung vermietet. Früher konnten wir häufig für die betroffenen Menschen ihre eigene Wohnung noch retten oder konnten kurzfristig eine neue Wohnung für sie finden. Die Probleme sind heute komplexer, die Betreuung dauert meist länger, als lediglich ein Jahr – wie früher. Heute sind die Menschen meist zwei Jahre und länger in unserer Betreuung.

Was brauchen Menschen, die ihre Wohnung verloren haben am allermeisten?

Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, schämen sich und versuchen nach außen hin den Schein zu wahren. Sogar Freunden und ihrer Familie erzählen sie nichts. Sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört, der sie versteht und keine Vorwürfe macht. Viele weinen beim ersten Termin, dann kommen alle Sorgen und Nöte der Vergangenheit raus. Wir kümmern uns um die Unterbringung, entweder in einem Wohnheim über das Bezirksamt, oder über eine Trägerwohnung der Caritas. Viele kennen sich nicht aus und brauchen sehr viel Unterstützung bei der Bürokratie: beim Stellen von Anträgen für das Jobcenter, die Kindergeldkasse, das Wohnungsamt. Diese Formulare sind mittlerweile sehr komplex. Deshalb entstehen häufig Mietschulden – berechtigte Ansprüche werden nicht geltend gemacht, weil die Angst vor den Formularen zu groß ist.

Eine Beratungsstelle für Wohnungslose erwartet man zwischen Plattenbauten und in Problemvierteln. Berlin-Wilmersdorf ist als eine Gegend bekannt in der gut bis sehr gut verdienende Menschen wohnen. Warum haben Sie hier eine Beratungsstelle eröffnet?

Am Standort Charlottenburg Wilmersdorf gab es noch keine Caritas-Wohnungslosenhilfe, obwohl es auch in diesem Bezirk einen wachsenden Bedarf gab. In Wilmersdorf läuft die Wohnungslosigkeit verdeckter ab. Hier sieht man keine Obdachlosen auf Parkbänken. Manche machen „Couch-Hopping“, in dem sie von einem Bekannten zum nächsten wandern, um dort für einige Tage zu übernachten. Selbst im Bezirk Grunewald gibt es Menschen mit Mietschulden, die sie aufgrund einer Veränderung ihrer Lebenssituation haben und deshalb von einer Räumung betroffen sind. „Eigenbedarfskündigungen“ ist auch ein neues Problem: da müssen Menschen nach 40 Jahren und mehr ihre Wohnung räumen. Sie verlieren ihr komplettes soziales Umfeld, wenn sie den Bezirk wechseln müssen. Es ist ja nicht mehr möglich in Wilmersdorf bezahlbaren Wohnraum zu finden. Oft trifft es ehemals Selbstständige, die ihre gesamte Altersvorsorge für die Miete aufbrauchen, um am Ende doch ausziehen zu müssen. Bei vielen älteren Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und die Miete zahlen konnten, reicht dann die Rente nicht mehr für die volle Miete aus. Trennung, Auszug der Kinder, Tod des Partners können ebenfalls Veränderungen in der finanziellen Situation bewirken. Viele hoffen lange Zeit, dass sich das Problem irgendwie reguliert.

Wie läuft bei Ihnen einen Beratung ab und was können Sie überhaupt tun?

Wir bieten zwei Mal wöchentlich eine offene Sprechstunde an, zu der die Menschen ohne Termin kommen können. Wir sichten dann die Unterlagen, hören zu und versuchen den Hilfebedarf zu ermitteln. Gibt es diesen, stellen wir Anträge an die soziale Wohnhilfe des Bezirksamtes auf Übernahme der Kosten. Mir ist wichtig, dass niemand das Gefühl hat, vergebens gekommen zu sein. Auch wenn jemand nicht für die Maßnahme in Frage kommt, erhält er Kontaktdaten, wohin er sich als nächstes wenden kann.

Der Wohnungsmarkt hat sich so verschärft, dass kurzfristige Hilfe nicht mehr ausreicht. Das heißt, Verhandlungen mit den Vermietern, die früher in der Regel sehr erfolgreich waren, können wir kaum mehr anbieten, da es sich häufig um ausländische Investmentfirmen handelt, wo kein Ansprechpartner zur Verfügung steht. Wir können Betroffenen eine Wohnung zur Zwischennutzung anbieten, sie bei der Wohnungssuche unterstützen und überprüfen, ob ihre finanziellen Ansprüche ausreichend sind. Wir sind da, damit die Menschen ihre Sorgen und Nöte bei uns lassen können.

Mit welchen Fragen kommen die Menschen zu Ihnen?

Ist meine Wohnung noch zu retten, obwohl ich eine Kündigung bekommen habe? Ich habe Mietschulden, kann mir jemand helfen? Ich werde in einer Woche zwangsgeräumt. Kann dieser Termin noch aufgehoben werden? Ich bin zwangsgeräumt worden und schlafe im Moment bei einem Bekannten. Die Miete ist zu hoch und das Jobcenter übernimmt nicht mehr alles. Ich wohne in einem Wohnheim und möchte endlich wieder eine eigene Wohnung haben. Ich wohne mit meinem Kind in beengten Verhältnissen.  Meine Mutter ist verstorben und ich kann die zu große Wohnung nicht mehr halten - wo bekomme ich Unterstützung?

Welcher Fall ist Ihnen am deutlichsten in Erinnerung geblieben?

Ein Fall hat mich persönlich sehr belastet und ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Es handelte sich um einen früheren Eisenbahner in Frührente, der in einer großen 4-Zimmer-Wohnung lebte. Nach dem ersten Termin in der offenen Sprechstunde brach der Mann an der Bushaltestelle zusammen. Er hatte Diabetes und sein Fuß musste amputiert werden. Er hatte allein drei Rechtschutzversicherungen, die gekündigt werden mussten, zwei Telefonanbieter buchten monatlich ab. Vattenfall drohte, den Strom abzustellen. Obwohl er über eine gute Rente verfügte, waren die Fixkosten zu hoch. Die Wohnung musste entrümpelt und eine seniorengerechte Unterkunft gefunden werden. Von seiner Familie, er war geschieden, kümmerte sich niemand um ihn. In der Wohnung standen im Badezimmer noch die alten Zahnbürsten der Kinder, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er bekam auch im Krankenhaus nie Besuch. Zum Glück konnte er relativ schnell in eine Seniorenwohnung der Caritas vermittelt werden. An dieser Stelle war das Netzwerk der Caritas sehr hilfreich: die Sozialstation übernahm die pflegerische Betreuung nach der Krankenhaus- Entlassung und über den Caritas Betreuungsverein wurde eine gerichtliche Betreuung eingesetzt.

Welche Lösungen würden sie sich für von der Gesellschaft oder sogar der Politik wünschen?

An alle Investoren: bitte schaut nicht nur auf kurzfristige Renditen. Überlegt, wie es sich auf den Charakter einer Stadt auswirkt, wenn nur noch gut Situierte in Berlin leben. Wir bewegen uns in Richtung Hochglanzprospekt- Stadt. Auch private Vermieter sollten nicht allein auf den reinen Profit schauen. Sanierungen sind gut und notwendig, aber es müssen keine Luxussanierungen sein. Sorgt für mehr Durchmischung. Baut kleine, einfach bezahlbare Wohnungen. Gebt Menschen eine Chance, die sonst chancenlos bleiben. An die Politik: hört auf, städtische Grundversorgungsunternehmen zu verkaufen wie beispielsweise die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, die Wasserbetriebe, den Stromversorger. Baut gezielt bezahlbaren Wohnraum für Geringverdiener und weniger Eigentumswohnungen und Luxus Apartments. Baut zudem weniger Büroflächen. Verringert die Bürokratie und die hohen Auflagen beim Häuserbau. Nicht nur Hartz IV Empfänger finden keine Wohnung mehr, sondern auch Studenten, Mitarbeiter von Start Up-Unternehmen und Mittelstands-Familien. Schaut besser mittel- und langfristig, was ihr mit dieser Stadt macht: denn Berlin ist gerade im Ausverkauf.


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Gesprächssituation zwischen Petra Siegberg und einem Klienten.

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Gruppenfoto der Besucher des Stadtteilladens Scholven.

In Scholven werden die Bürger selbst aktiv Gelsenkirchen-Scholven liegt im Ruhrgebiet. Die Autobahn A52 fährt direkt vorbei. Aus den Türmen des Industriegebiets steigt Rauch. In der Mitte der Gemeinde liegt der Stadtteilladen. Hier treffen sich neue und alte Bewohner. Ihr Motto: Hier leben ich gerne! Erfahren Sie mehr per Klick auf das Bild.

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